{"id":325,"date":"2017-03-09T11:02:27","date_gmt":"2017-03-09T10:02:27","guid":{"rendered":"http:\/\/mpickl.meiller-medien.de\/?p=325"},"modified":"2017-03-10T15:08:41","modified_gmt":"2017-03-10T14:08:41","slug":"atem-der-schoenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-pickl.de\/index.php\/2017\/03\/09\/atem-der-schoenheit\/","title":{"rendered":"Atem der Sch\u00f6nheit"},"content":{"rendered":"<h4><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Atem der Sch\u00f6nheit<\/h4>\n<h2>Die Frauengestalten des Bildhauers Michael Pickl<\/h2>\n<p>Kunst muss wehtun.<\/p>\n<p>Nach Theodor W. Adorno<\/p>\n<p>Baum und Holz. Natur und Kultur. Pflanzen sind die ersten Lebewesen, die das Wasser verlassen und die Erde begr\u00fcnen, nachdem sich eine geeignete Atmosph\u00e4re und eine sch\u00fctzende Ozonschicht gebildet haben. Aufgrund des fehlenden Auftriebs im Wasser ben\u00f6tigen sie auf dem Land ein festes Ger\u00fcst, ein Skelett, das bei den gro\u00dfen Pflanzen, den B\u00e4umen, <em>Holz<\/em> genannt wird. Dass der Baum in vielen Mythen als Weltmitte gilt r\u00fchrt daher, dass er aufrecht steht wie der Mensch, sich Jahr f\u00fcr Jahr erneuert, mehr als hundert Meter hoch und \u00fcber tausend Jahre alt werden kann. Hinzu kommen seine lebensnotwendigen Aufgaben &#8211; den Bestand des Grundwassers zu sichern, vor Erosion zu sch\u00fctzen, W\u00e4rme zu speichern, das Klima zu stabilisieren und die Atmosph\u00e4re zu reinigen.<\/p>\n<p>Der Mensch braucht den Baum aus existentiellen Gr\u00fcnden, da er von seinen Fr\u00fcchten lebt und im Holz ein gut zu bearbeitendes Material findet f\u00fcr Hausbau und Werkzeug, f\u00fcr Boot und Tisch, Bleistift und Lakritz. Baum und Holz begleiten den Menschen auf seinem Weg von der Wiege bis zur Bahre.<\/p>\n<p>Holz ist das Ausgangsmaterial f\u00fcr die k\u00fcnstlerische Arbeit von Michael Pickl. In seinem k\u00fcnstlerischen Schaffen wird die handwerkliche Arbeit von Gef\u00fchlen und Tr\u00e4umen, von Gedanken und Ideen geleitet. Sie auszudr\u00fccken mei\u00dfelt, schnitzt und malt er das Material zu Formen und Zeichen. In seinen Holzskulpturen erh\u00e4lt der Baum eine neue Daseinsform. Das Eindrucksvolle seiner Kunst ist das Absehen. Ein geistiger Vorgang, bei dem er von Details, Nebens\u00e4chlichem und Zuf\u00e4lligem absieht und einfache Formen schafft. In diesem Weglassen der den Blick verstellenden Details sowie im Gestalten eines neuen Ganzen hat er wunderbare Skulpturen geschaffen.<\/p>\n<p>Im Zentrum seines Schaffens steht die Frau, der er eine wundersame Leich\u00adtigkeit, eine radikale Einfachheit und eine geheimnisvolle Sch\u00f6nheit mit auf den Weg in die Welt gibt, so dass Betrachter veranlasst werden, sich in derselben Weise &#8211; frohgemut und positiv &#8211; in die Welt hinein zu bewegen. Das ist bedeutsam, weil der Mensch der Welt das Beste antut, wenn er froh, optimistisch und wohlgelaunt auf sie zugeht.<\/p>\n<p>Die Frau ist in vielf\u00e4ltigen Haltungen und Gesten sowie in unterschiedlichen geistigen und psychischen Verfassungen dargestellt. In sich ruhend. Anmutig. Eine selbstst\u00e4ndige Pers\u00f6nlichkeit. Selbstbewusst mit freiem und offenem Blick. Auch dann, wenn die Augen geschlossen sind und der Blick nach innen gerichtet ist. Aufgeweckte, mutige Frauen, die etwas vom Leben zu verstehen scheinen. Schwerelos schwebend und den physikalischen Gesetzen der Gravitation enthoben oder mit den Beinen fest auf dem Boden \u2013 auf dem \u00fcbriggelassenen Holz, das als Sockel dient. In sich tragen sie eine stille Kraft, die sie an den Betrachter weitergeben und in ihm eine Sehnsucht wecken: die Sehnsucht, der inneren Kraft vertrauen zu k\u00f6nnen, und sich nicht von au\u00dfen, von der Last einer hektischen und von vielerlei N\u00f6ten heimgesuchten Welt erdr\u00fccken zu lassen, sondern sie durch die Kraft der eigenen Vorstellung zu erkennen und das Leben zu meistern.<\/p>\n<p>Diese Art, Frauen darzustellen, ber\u00fchrt. Ber\u00fchrt wird der Mensch immer dann, wenn er von etwas Au\u00dferordentlichem angeregt wird. Dann ist er in seinem tiefsten Innern &#8211; seinem Wesen &#8211; getroffen: das m\u00f6gen eine sch\u00f6ne Form, eine gro\u00dfz\u00fcgige Geste, ein vertr\u00e4umter Blick, ein interessanter Gegenstand oder ein ungew\u00f6hnliches Ereignis sein. Wer ber\u00fchrt wird, ist aufmerksam, konzentriert und hellwach. Ber\u00fchrt werden kann der Mensch jedoch nur von einem anderen Wesen, weshalb Ber\u00fchrtsein eine Resonanz zwischen zwei Wesen ist. Wenn jemand, der eine Holzskulptur betrachtet, ber\u00fchrt wird, bedeutet das, dass die Darstellung f\u00fcr ihn etwas Wesentliches zum Ausdruck bringt: etwas Bedeutsames und Typisches, in dem sich auch der Betrachter erkennen kann. Diese Resonanz von zwei Wesen geh\u00f6rt zum Atem der Sch\u00f6nheit.<\/p>\n<p>Die dargestellten Frauen bedeuten Verf\u00fchrung, Attraktion und Sch\u00f6nheit. Sch\u00f6nheit ist das, was den Menschen anzieht. Was ihn lockt, verf\u00fchrt, neugierig macht. Attraktion als Prinzip der Fernwirkung gibt es zwischen K\u00f6rpern wie Erde und Mond, zwischen Menschen wie Liebenden sowie zwischen Menschen und K\u00f6rpern wie Kunstwerk und Betrachter. Ist das Kunstwerk attraktiv, ist es auch sch\u00f6n. Die Absicht besteht aber nicht darin, das Sch\u00f6ne zu schaffen, sondern f\u00fcr eine Idee eine geeignete Gestalt zu erfinden. Gelingt der Versuch, stellt sich die sch\u00f6ne Form ein.<\/p>\n<p>Maler erzeugen auf einer Ebene r\u00e4umliche Wirkungen durch Hell-Dunkel-Kontraste, Bildhauer k\u00f6nnen auf unterschiedlichen Wegen in ihren Skulpturen die r\u00e4umliche Wirkung vermindern. Gerade in einer speziellen Ordnung von Raum und Fl\u00e4che liegt auch das formale Prinzip der Sch\u00f6nheit der Skulpturen von Michael Pickl. Er verschiebt das R\u00e4umliche in Richtung auf eine gr\u00f6\u00dfere Fl\u00e4chenwirkung. Der Raum wird nicht zur Fl\u00e4che, sondern lediglich die fl\u00e4chige Wirkung wird erh\u00f6ht: etwa durch eine matte Farbigkeit, eine extreme L\u00e4ngung der Formen und durch tiefe Linien, die Teilformen zu einer Einheit zusammenschlie\u00dfen und den Arbeiten eine graphische Wirkung geben. Die Kombination fein gearbeiteter, glatter Fl\u00e4chen mit groben und rissigen Partien h\u00e4lt eine Balance zwischen Fl\u00e4chigkeit und R\u00e4umlichkeit. Formal ergibt sich das Einfache, Kompakte und Sch\u00f6ne seiner Gestalten also daraus, dass die fl\u00e4chige Wirkung einer Skulptur die M\u00f6glichkeit bietet, scheinbar notwendige Einzelheiten wegzulassen und sie \u2013 von dem Blickpunkt aus, auf den hin sie gestaltet sind \u2013 auf einen Blick zu erfassen. Und dieser Blick erfasst das Sch\u00f6ne und eine besondere Idee von Mensch und Welt.<\/p>\n<p>Alles Sch\u00f6ne ist Geheimnis. Wie Sterne, ein Sonnenuntergang, eine Blume, die Bahn der Planeten, eine mathematische Formel. Sch\u00f6n kann eine K\u00f6rperhaltung sein oder ein menschliches Gesicht &#8211; der komplexeste Ausdruck, den das Weltall hervorgebracht hat. Jeder Mensch bietet sein Gesicht und seine Haltung und mit ihnen sein inneres Wesen der Welt dar. Gesicht und Haltung einfach und sch\u00f6n, treffend und anmutig wiederzugeben ist die besondere Gabe von Michael Pickl.<\/p>\n<p>Die Andeutung eines Geheimnisses bedarf einer Ordnung. Begriffe vollkommener Ordnung wie Qualit\u00e4t und G\u00fcte, wie das H\u00f6chste und das Reine und wie Liebe und Anmut bedeuten immer auch das Sch\u00f6ne, weshalb Sch\u00f6nheit, Wahrheit und G\u00fcte eng miteinander verbunden sind. Die Skulpturen bestehen in geordneten Formen, die den Betrachter zur inneren Ordnung, Reflexion und Sammlung anregen.<\/p>\n<p>Insofern gew\u00e4hren die Skulpturen einen Blick hinter die Kulissen der Wirklichkeit. Denn das, was der Mensch wahrnimmt, ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was die Welt ist. Sch\u00f6nheit ist Transzendenz, nicht Oberfl\u00e4che. Unter der Ebene des Sch\u00f6nen liegt ihre Substanz &#8211; das Geheimnis der Welt, von der uns das Sch\u00f6ne eine Ahnung gibt und die uns begeistert und befl\u00fcgelt. Was die Werke zu Erkenntnis-Skulpturen macht.<\/p>\n<p>Sch\u00f6ne Gegenst\u00e4nde wirken \u00fcber die Sinnesorgane anregend auf das Denken, F\u00fchlen und Verhalten des Menschen und bereiten Freude. Eine gute Form, eine \u00fcberraschende Funktion, ein gediegenes Material, ein gro\u00dfartiger Gedanke oder ein Kunstwerk k\u00f6nnen gen\u00fcgen, um den Menschen zu verwandeln. Sie steigern die Aufnahmef\u00e4higkeit der Sinne und bef\u00e4higen ihn, Unterschiede wahrzunehmen und ein \u00e4sthetisches Urteil auszubilden. Das ist die gro\u00dfe Leistung von Michael Pickl: Seine Holzskulpturen ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, bieten ein neues Bild von der Welt und verwandeln den Betrachter. Deshalb: Kunst muss nicht wehtun. Aber die Wehmut muss vorhanden sein, denn das Weh ist ein Element der Sch\u00f6nheit. Daher ist die Sch\u00f6nheit seiner Skulpturen ein Zeichen f\u00fcr das Annehmen der Wirklichkeit und zugleich der Versuch, sie zu bew\u00e4ltigen. Das ist der Atem der Sch\u00f6nheit &#8211; ihre Lebendigkeit.<\/p>\n<p>Hajo Eickhoff<\/p>\n<p>\u00a9 Hajo Eickhoff 2014<\/p>\n<p><a title=\"Link\" href=\"http:\/\/www.hajoeickhoff.de\/\">http:\/\/www.hajoeickhoff.de<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Atem der Sch\u00f6nheit Die Frauengestalten des Bildhauers Michael Pickl Kunst muss wehtun. Nach Theodor W. Adorno Baum und Holz. Natur und Kultur. Pflanzen sind die ersten Lebewesen, die das Wasser verlassen und die Erde begr\u00fcnen, nachdem sich eine geeignete Atmosph\u00e4re und eine sch\u00fctzende Ozonschicht gebildet haben. 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