{"id":446,"date":"2017-03-10T16:55:27","date_gmt":"2017-03-10T15:55:27","guid":{"rendered":"http:\/\/mpickl.meiller-medien.de\/?p=446"},"modified":"2017-05-22T16:34:21","modified_gmt":"2017-05-22T14:34:21","slug":"446","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-pickl.de\/index.php\/2017\/03\/10\/446\/","title":{"rendered":"Rede Hajo Eickhoff"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vortrag zur Ausstellungser\u00f6ffnung<br \/>\nMichael Pickl<br \/>\nim Kunstschloss Theuern<br \/>\nam 13. Juli 2014 von Hajo Eickhoff<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Darf Kunst sch\u00f6n sein?<br \/>\nSch\u00f6nheit und Wohlbefinden<\/h3>\n<p>Herzlich willkommen meine Damen und Herren zur Ausstellungser\u00f6ffnung von Michael Pickl im Kunstschloss Theuern. Kunst und Sch\u00f6nheit lassen sich nicht pr\u00e4zise definieren, weshalb der Vortrag eher einem Schwebezustand als einem festen Standpunkt gleichen wird. Dennoch l\u00e4sst sich \u00fcber Sch\u00f6nheit und Kunst sprechen. Albrecht D\u00fcrer hat gesagt, dass er nicht wisse, was Sch\u00f6nheit sei, aber wenn etwas sch\u00f6n sei, wisse er das.<\/p>\n<p>Herzlichen Dank f\u00fcr die Einladung an den K\u00fcnstler Michael Pickl und den Museumsleiter Michael Ritz. Ich freue mich sehr, hier zu sein. Eine oft geh\u00f6rte Wendung, doch ich bin begeistert von den Arbeiten des K\u00fcnstlers \u2013 von ihrer Sch\u00f6nheit und Anmut \u2013 und freue mich, dass ich sie hier einmal aus der N\u00e4he wahrnehmen kann.<\/p>\n<p>In der modernen Kunstgeschichte und Kunstbetrachtung spielt das Sch\u00f6ne eine untergeordnete Rolle. Ausgerechnet in den Sch\u00f6nen K\u00fcnsten, den Belles artes, erf\u00e4hrt das Sch\u00f6ne wenig W\u00fcrdigung. Der Wiener Gestalter Adolf Loos hat den Prozess der Entw\u00fcrdigung mit seinem Statement \u201eDas Ornament ist ein Verbrechen\u201c eingeleitet, das der Philosoph Theodor W. Adorno in seiner Forderung \u201eKunst muss wehtun\u201c gefestigt hat. Sicher darf Kunst weh tun, doch sie darf auch sch\u00f6n sein. Und sie muss es.<\/p>\n<p>Die Skulpturen von Michael Pickl sind Sch\u00f6nheiten. Ihr Grundmaterial ist Holz. Eine Pflanze. Als erste Lebewesen verlassen Pflanzen das Wasser, nachdem sich eine geeignete Atmosph\u00e4re und eine sch\u00fctzende Ozonschicht gebildet haben. Aufgrund des fehlenden Auftriebs im Wasser ben\u00f6tigen sie auf dem Land ein festes Ger\u00fcst, ein Skelett, das bei den gro\u00dfen Pflanzen, den B\u00e4umen, zu Holz verarbeitet werden kann.<\/p>\n<p>Baum und Holz begleiten den Menschen durch das Leben in vielf\u00e4ltiger Weise. Der Mensch bedarf des Baumes aus existentiellen Gr\u00fcnden, denn er bietet Schutz und gibt Schatten, begr\u00fcnt die Erde, spendet Fr\u00fcchte, Honig, Kautschuk und Lakritz und hat einen gro\u00dfen Nutzen f\u00fcr Erde und Klima. Das Material, dass der Mensch aus dem Baum gewinnt \u2013 das Holz \u2013 ist ein unentbehrliches Gut. Er braucht es f\u00fcr den Hausbau und f\u00fcr Werkzeuge, f\u00fcr Regale und Boote, f\u00fcr Luxuserzeugnisse, Musikinstrumente und Skulpturen.<\/p>\n<p>Holz kann den Menschen durch seine \u00e4u\u00dfere Erscheinung ebenso wie durch seine innere Beschaffenheit beeindrucken. Ich habe ein Didgeridoo \u2013 ein Holzblasinstrument \u2013 mitgebracht, das wie eine Holzskulptur Sch\u00f6nheit erzeugen kann. Allerdings spricht es das Ohr an. Durch bizarre, ungew\u00f6hnliche und sch\u00f6ne T\u00f6ne, w\u00e4hrend die Holzskulpturen von Michael Pickl das Auge durch wunderbare und sch\u00f6ne Formen ansprechen. Zur Demonstration spiele ich ihnen nun einige T\u00f6ne auf dem Didgeridoo vor.<\/p>\n<p>Wie sie h\u00f6ren, wirkt das Didgeridoo durch seine innere Qualit\u00e4t. Ein ausgeh\u00f6hltes Holzrohr aus dem Ast eines australischen Eukalyptusbaumes. Bespielt mit einer besonderen Atemtechnik \u2013 der Zirkularatmung. Das Instrument hat keine Tasten und keine L\u00f6cher, erst die Atemtechnik schafft die Variation der Kl\u00e4nge: w\u00e4hrend man oben abwechselnd hineinatmet und hineinbl\u00e4st, str\u00f6mt aus der unteren \u00d6ffnung des Instrumentes ein stetiger, ununterbrochener Klangteppich heraus. Die Skulpturen dagegen wirken oberfl\u00e4chlich, so dass ihre Sch\u00f6nheit ganz in der Wirkung der Oberfl\u00e4che liegt. Bearbeitet mit S\u00e4ge und Mei\u00dfel, Hammer, Farbe und einer Gestaltungsidee.<\/p>\n<p>Ich definiere Sch\u00f6nheit als Attraktion. Als Neigung. Als Anziehung. Als Sehnsucht nach dem Vollkommenen, nach Liebe und Anmut. Sch\u00f6nheit ist ein Grundzug menschlichen Lebens. Niemand wird von sich sagen, er strebe nach dem H\u00e4sslichen und Monstr\u00f6sen. Im Gegenteil \u2013 der Mensch strebt nach Sch\u00f6nheit und Harmonie. Wir k\u00f6nnen auch sagen: nach Gl\u00fcck. Weniger pathetisch hei\u00dft das, er strebt nach Wohlbefinden.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nheit in der Tierwelt<\/p>\n<p>In der Tierwelt sind die sch\u00f6nen Exemplare die M\u00e4nnchen. Dabei hat jede Tierart ihre eigenen Merkmale entwickelt, die die Weibchen f\u00fcr attraktiv halten und anlockt. Wie sich herausstellt handelt es sich gerade um die Merkmale, die der Mensch als Verk\u00f6rperungen des Sch\u00f6nen auffasst.<\/p>\n<p>Wenn wir \u2013 zum Beispiel hier in Theuern \u2013 einen Vogel singen h\u00f6ren, dann ist es also immer ein M\u00e4nnchen. Es gibt nur wenige Ausnahmen wie Rotkelchen und Lerchen. Und wenn wir sch\u00f6ne Exemplare sehen, sind es ebenfalls M\u00e4nnchen. Die Sch\u00f6nheit des Gefieders, der Gestalt und des Gesangs soll das Weibchen anlocken. Ein Paradies f\u00fcr sch\u00f6ne und geradezu erstaunliche V\u00f6gel ist Neu-Guinea. Hier leben die Paradiesv\u00f6gel. Reich an Formen, Farben und Gesten. Die M\u00e4nner der Papua jagen diese Tiere. Sie wollen den V\u00f6geln die bunten und gl\u00e4nzenden Federn abnehmen. Sie schm\u00fccken sich damit, um f\u00fcr eine Frau zu werben. Indem sie aber das tun, machen die Papua-M\u00e4nner genau das, was die Paradiesvogel-M\u00e4nnchen machen: sich f\u00fcr die Weibchen sch\u00f6n und attraktiv zu machen.<\/p>\n<p>Dasselbe Prinzip ist bei anderen Tierarten wirksam. Bei der Wahl um den Rudelf\u00fchrer achten Rehe auf besondere Merkmale der Hirsche: auf eine tiefe und laute Stimme beim R\u00f6hren, die auf eine gro\u00dfe Masse und damit auf St\u00e4rke und Potenz hinweist, auf Ausdauer im Kampf und ein symmetrisches Geweih. Das Geweih muss auf beiden Seiten \u00fcber dieselbe Anzahl von Geweihenden verf\u00fcgen. Ein Hirsch mit einem unsymmetrischen Geweih \u2013 links etwa f\u00fcnf und rechts sechs Enden \u2013 wird kein Rudelf\u00fchrer werden. Er w\u00e4re im Kampf benachteiligt. Die Weibchen erkennen jedes Handikap. Der Hirsch wird nach seinen \u00e4u\u00dferen Merkmalen wie Symmetrie, Gr\u00f6\u00dfe, Stimmlage und Proportion wahrgenommen und beurteilt.<\/p>\n<p>Ein hinkender L\u00f6we und ein Hirsch mit unsymmetrischen Geweih werden nie ein Rudel anf\u00fchren, weil Weibchen sie nicht erw\u00e4hlen, wie ein schlecht singendes Vogelm\u00e4nnchen von keinem Weibchen erh\u00f6rt wird.<\/p>\n<p>In der Natur repr\u00e4sentiert das M\u00e4nnchen das, was Menschen unter Sch\u00f6nheit verstehen. Indem die Weibchen die M\u00e4nnchen w\u00e4hlen, z\u00fcchten sie die M\u00e4nnchen, die nun in einer harten Konkurrenz stehen und deshalb immer sch\u00f6nere Farben und attraktivere Balzformen entwickeln m\u00fcssen. Die M\u00e4nnchen sind dazu verdammt, sich zu schm\u00fccken. Das erkannte schon Darwin, der aus dem Grunde neben der nat\u00fcrlichen Auslese eine sexuelle Auslese annahm: die Wahl der M\u00e4nnchen durch die Weibchen. Die Wahl erfolgt nach unterschiedlichen Kriterien: nach \u00e4u\u00dferlichen Ma\u00dfen wie Symmetrie, Gr\u00f6\u00dfe und Proportion, nach \u00e4u\u00dferlichen Merkmalen der H\u00fclle wie Haar, Haut und Gefieder sowie nach der Art des Balzens. Worin aber liegt der Sinn, M\u00e4nnchen nach den genannten Merkmalen auszuw\u00e4hlen? Es ist die \u00e4u\u00dfere H\u00fclle, die Auskunft \u00fcber Qualit\u00e4ten gibt.<\/p>\n<p>Der Zustand von Federn, Horn und Haar \u2013 die aus Eiwei\u00dfverbindungen bestehen \u2013, erlaubt Aussagen \u00fcber die Qualit\u00e4ten der V\u00f6gel. Lebewesen ben\u00f6tigen Eiwei\u00df, da sie sonst weder wachsen noch verbrauchte Teile ersetzen k\u00f6nnen. Eine gute Ausstattung mit Eiwei\u00df zeigt sich in der Dichte, dem Farbenreichtum und Glanz der \u00e4u\u00dferen H\u00fclle und offenbart, dass das Lebewesen \u00fcber einen ausreichenden Vorrat an Eiwei\u00df verf\u00fcgt, der ein Verweis auf Gesundheit und Kraft ist.<\/p>\n<p>Die Wahl des Vogel-Weibchens, das in der Lage ist, aus den \u00e4u\u00dferen Zeichen auf den inneren Zustand der Vogel-M\u00e4nnchen zu schlie\u00dfen, ist eine Wahl f\u00fcr ein gesundes M\u00e4nnchen. Durch die Oberfl\u00e4chliche hindurch erkennt das Vogelweibchen etwas Anderes. Ein Inneres, Wesentliches: Gesundheit, Verteidigungsqualit\u00e4t, Potenz und Fortpflanzungsf\u00e4higkeit. Das bedeutet, dass das Weibchen den Partner sucht, der ihre Gene am besten weitertragen und sichern kann.<\/p>\n<p>So ist das, was Menschen als Sch\u00f6nheit bezeichnen, in der Natur eine biologische Funktion. Ausdruck f\u00fcr etwas, das mehr ist als blo\u00dfe \u00c4sthetik: n\u00e4mlich Gesundheit, Fitness und Durchsetzungsverm\u00f6gen \u2013 also eine hohe genetische Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Leben ist Ordnung. Im Leben hat das Weltall seine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Ordnung geschaffen \u2013 komplex und kompliziert. W\u00fcrden wir eine Hand voll Sand in den Wind werfen, w\u00fcrde der Sand im Wind verwehen. Das gelingt nicht mit Lebewesen. Ihre Elemente sind verbunden, geordnet und zu einer Einheit verwoben. Je komplexer ein Lebewesen, desto gr\u00f6\u00dfer seine Ordnung. Dagegen zerst\u00f6ren Krankheit und Verletzung die naturgegebene Ordnung.<\/p>\n<p>Deshalb ist auch Sch\u00f6nheit Ordnung. Und das ist es, was Weibchen wahrnehmen \u2013 ein h\u00f6chstm\u00f6gliches Ma\u00df an Ordnung, die Lebensordnung. Es ist die sch\u00f6ne Ordnung, die sie attraktiv finden und die sie anzieht.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nheit beim Menschen<\/p>\n<p>Mit Bezug auf die \u00c4sthetik funktioniert der Mensch wie das Tier. Auch er schm\u00fcckt sich. Dazu bietet die Natur ihm Muscheln und Knochen, Z\u00e4hne, Bl\u00e4tter und Steine. Er beklebt seine Haut mit Bl\u00e4ttern, ritzt sie oder bemalt sie mit farbiger Erde. Oder er verfertigt Hals-, Fu\u00df- und Armreifen. Der Mensch braucht Schmuck und Sch\u00f6nheit wegen der Ordnung, die sie haben, die sie aber auch stiften. Ebenso aus Gr\u00fcnden des Werbens und der Erotik, der Moral und der \u00d6konomie, der Kommunikation und des Wohlbefindens \u2013 Schmuckst\u00fccke sind die Institutionen, die Ordnung schaffen.<\/p>\n<p>Das Gegenwort zu sch\u00f6n ist nicht h\u00e4sslich \u2013 es leitet sich von Hass ab und hat keinen Bezug zur \u00c4sthetik \u2013, sondern monstr\u00f6s. Monstr\u00f6s bedeutet unordentlich und naturwidrig. Insofern l\u00e4sst sich der Gegensatz von sch\u00f6n als naturwidrig bestimmen. Als dasjenige, das aus der Ordnung herausf\u00e4llt. Aus der Ordnung der Natur in dem Sinne, dass es weder heil noch kraftvoll, noch gesund ist, um die Gene eines Weibchens f\u00fcr die weitere Generation zu sichern.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr den Menschen ist Glanz jeder Art attraktiv: Gold und Silber, Seide und Diamanten, \u00d6lfarbe, Perlmutt und Wasser. Auch auf den Menschen wirkt Symmetrie attraktiv. Der K\u00f6rper des Menschen ist bilateral ausgerichtet: Augen und Ohren, F\u00fc\u00dfe und H\u00e4nde sowie Nasenfl\u00fcgel sind paarig angelegt. Auch er achtet Proportion, K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe und eine gute (tiefe) Stimme. Andererseits ist der Mensch auch ein Wesen der Kultur \u2013 nicht allein der Natur. Deshalb kommen bei ihm geistig-psychische Merkmale und die F\u00e4higkeit zur Kulturproduktion hinzu. Deshalb ist er in der Lage, den nat\u00fcrlichen Sachverhalt umzukehren und sich gegen Ordnung und Sch\u00f6nheit zu entscheiden, oder das Sch\u00f6ne in anderer Weise zu definieren. Er kann sich f\u00fcr das Morbide, Monstr\u00f6se und H\u00e4ssliche entscheiden, die er aber zuerst als Attraktivit\u00e4t definieren muss, um sie dann als Attraktivit\u00e4t erfahren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Unsch\u00f6ne ist \u2013 anders als das Sch\u00f6ne \u2013 einfach darzustellen. Ein Kreis als Gesicht, zwei Punkte als Augen und zwei Kreisb\u00f6gen als heruntergezogene Mundwinkel, die ungleichm\u00e4\u00dfig sein k\u00f6nnen. Zwei oder drei dunkle Fl\u00e4chen als Zahnl\u00fccken verst\u00e4rken das H\u00e4ssliche. Der Mund mag gro\u00df oder klein sein und es m\u00f6gen mehr Zahnl\u00fccken sein, doch das H\u00e4ssliche wird bleiben. Soll dagegen etwas Sch\u00f6nes dargestellt werden, m\u00fcssen Gesetze befolgt werden, um Ordnung und damit Sch\u00f6nheit zu sichern.<\/p>\n<p>In der Wahrnehmung des Sch\u00f6nen werden nicht nur die Sinne angeregt, sondern wesentlich auch Gef\u00fchl und Geist. Glanz hat eine hohe Attraktivit\u00e4t f\u00fcr den Menschen, hinzu kommt neben dem oberfl\u00e4chlichen Glanz der innere Glanz. Eine innere Sch\u00f6nheit, ein inneres Licht, das nach au\u00dfen dringt &#8211; wie beim Vogelm\u00e4nnchen der Eiweisvorrat als Farbe und Glanz.<\/p>\n<p>Das Besondere des Sch\u00f6nen ist, dass es ber\u00fchrt. In jeder Form und Art. Das m\u00f6gen eine sch\u00f6ne Form, ein interessanter Gegenstand, ein gro\u00dfz\u00fcgiges Verhalten, ein verwegener Gedanke, ein Geruch, ein aufregender Blick oder ein ungew\u00f6hnliches Ereignis sein. Und wie in der Natur liegt auch hier das Sch\u00f6ne immer unter der Oberfl\u00e4che \u2013 als ein Wesen der jeweiligen Sache.<\/p>\n<p>Dass ich von den Skulpturen von Michael Pickl sehr ber\u00fchrt bin, bedeutet, dass mich die Gestalt seiner Skulpturen in meinem Wesen ber\u00fchrt, indem sie etwas tief in mir Liegendes anregen. Sie bewegen etwas in mir \u2013 motivieren mich. Interessanterweise k\u00f6nnen wir aber nur von etwas ber\u00fchrt werden, das selbst ein Wesen ist, woraus sich f\u00fcr Sch\u00f6nheit eine wunderbare Definition ergibt: Sch\u00f6nheit ist eine Resonanz zwischen zwei Wesen. In der Kunst zwischen einem Werk und dem Betrachter oder Zuh\u00f6rer.<\/p>\n<p>Wenn Sie, meine Damen und Herren, durch die Ausstellung gehen und von einer der Skulpturen ber\u00fchrt und angeregt werden, k\u00f6nnten Sie sich einmal fragen, was es ist, was Sie in Ihrem Innern, ihrem Wesen anspricht und ber\u00fchrt: welche Formen und Farbe, welche Strukturen und Bearbeitungsarten oder welches Zusammenspiel dieser Elemente es sind, die sie pers\u00f6nlich bewegt? Es ist die F\u00e4higkeit des K\u00fcnstlers Michael Pickl, sie mit seinen Skulpturen dazu anzuregen.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nheit motiviert. Der Mensch will sie aufnehmen, in ihrer N\u00e4he sein, sie vielleicht selbst einmal herstellen. Sch\u00f6nheit bewirkt, dass er bewegt wird, etwas zu tun, dass er etwas Wesentliches erkennt \u2013 wie die Weibchen in der Tierwelt \u2013, dass er sich wohler f\u00fchlt. Sch\u00f6nheit ist ein Vademekum. Ein Mittel zur F\u00f6rderung des Wohlbefindens.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nheit ordnet. Menschen sind Ordnungssucher. Sie suchen Ordnung f\u00fcr sich, f\u00fcr andere und f\u00fcr die Gemeinschaft. Sie wollen Leben und Welt in eine \u00fcberschaubare und handhabbare Form bringen, da eine solche Ordnung dem Leben Unsicherheit und Bedrohlichkeit nimmt. Darin liegt die Stille Kraft von Sch\u00f6nheit. Das Herstellen von Ordnung ist wesentlich eine geistige T\u00e4tigkeit. Auch die Kunstproduktion ist nicht in erster Linie Handwerk, sondern das Handwerk wird begleitet von Ideen und Vorstellungen, f\u00fcr die K\u00fcnstler eine geeignete Form suchen. Viele Ereignisse, Daten und Fakten muss der Mensch sondieren, sortieren und strukturieren, bis er sich zurechtzufinden und orientieren kann. Indem er Ordnung schafft, schafft er zugleich etwas Sch\u00f6nes.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nheit differenziert. Im Laufe seiner Entwicklung musste der Mensch lernen, das Sch\u00f6ne vom Monstr\u00f6sen zu unterscheiden \u2013 das Gesunde vom Kranken, das Gute vom B\u00f6sen. Unterscheidungen zu treffen sind auch eine Aufgabe der Kunst. Der K\u00fcnstler bringt hervor, gestaltet, sch\u00f6pft. Er sch\u00f6pft Dinge, Formen, Geb\u00e4ude, Stra\u00dfen, Gedanken, Werkzeuge, Musikinstrumente, Skulpturen.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nheit ist einzigartig. Das Sch\u00f6ne, das K\u00fcnstler schaffen, ist etwas, das in der Natur noch nicht vorhanden war. Es ist das Einzigartige eines Kunstwerkes, das den Menschen ber\u00fchrt. Wenn der Mensch ber\u00fchrt ist, ist er eins mit sich, mit den Menschen und mit der Welt. Er ist dann verschwistert mit dem Kosmos. Das Kunstwerk ist ein Werk, das den Menschen so beeindruckt, dass er verwandelt wird.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nheit geht \u00fcber den Alltag hinaus. Das Sch\u00f6ne in der Kunst ist das, was \u00fcber das, was der Mensch mit seinen Sinnen wahrnehmen kann, hinausgeht. Hinaus \u00fcber das N\u00fctzliche und den blo\u00dfen Gebrauch. Das Sch\u00f6ne gibt ihm eine Ahnung davon, dass unter der Oberfl\u00e4che des Wahrgenommenen und Wahrnehmbaren noch etwas anderes, eine andere Welt liegt. Ein R\u00e4tsel. Ein R\u00e4tsel des Lebens. Das Geheimnis der Welt.<\/p>\n<p>Ordnung ist geistige Arbeit. Ein Design zu schaffen oder ein Kunstwerk ist geistige Arbeit. Das handwerkliche muss nat\u00fcrlich beherrscht werden, doch die praktische Arbeit wird immer geleitet durch eine Idee, eine Vorstellung, f\u00fcr die eine geeignete Form gesucht wird.<\/p>\n<p>Die Sch\u00f6nheit der Skulpturen von Michael Pickl<\/p>\n<p>Ein Hauptmotiv im Werk von Michael Pickl ist die Frau. Seine Frauen sind au\u00dferordentlich pr\u00e4sent. Sie stehen aufrecht und sind ausgesprochen sch\u00f6n. Sie haben einen wunderbaren Ausdruck, sind anmutig, aufrichtig und scheinen unersch\u00fctterlich. Zart und selbstst\u00e4ndig in einer Haltung, als w\u00e4ren sie durch nichts aus der Fassung zu bringen. Die \u00e4u\u00dfere Gestalt und die Haltung der Figuren korrespondieren treffend mit dem Ausdruck des Gesichts, dem komplexesten Ausdruck, den das Weltall hervorgebracht hat. Anmutig und getragen von einer inneren Kraft und der Botschaft an die Betrachter: \u201eVertraue Deiner inneren Kraft.\u201c<\/p>\n<p>K\u00fcnstler k\u00f6nnen eine ebene Fl\u00e4che als Raum und ein r\u00e4umliches Objekt als ebene Fl\u00e4che zur Erscheinung bringen. Michael Pickl gestaltet seine Figuren immer wieder \u00fcberlang, mei\u00dfelt in unterschiedlichen Breitegraden und tr\u00e4gt mattfarbene Pigmente auf, wodurch das Volumen der Skulpturen f\u00fcr das Auge geringer erscheint, als es tats\u00e4chlich ist. Die scheinbare Reduktion des Volumens oder die erscheinende Fl\u00e4chigkeit erlaubt die Darstellung von Abstraktionen, die es m\u00f6glich macht, das Wesentliche zu erfassen und wiederzugeben. Das Ziel der Abstraktion ist das Erfinden einer Gestalt f\u00fcr eine Idee. Im Abstrahieren, dem Absehen von Details, liegen die M\u00f6glichkeiten, das Wesentliche zu zeigen \u2013 eine nackte Ordnung, das Sch\u00f6ne.<\/p>\n<p>Kunst muss also nicht wehtun, sondern darf auch sch\u00f6n sein. Und sie muss es. Dann das Sch\u00f6ne in der Kunst ist der Ausdruck der erfolgreichen Bew\u00e4ltigung einer vorgegebenen Idee. Immer dann, wenn Betrachter ber\u00fchrt sind, wird das Beeindruckende der Sch\u00f6nheit transportiert. Indem sie etwas Wesentliches im Bertachter anregt. Das Verh\u00e4ltnis von Mensch und Kunst liegt in der Frage nach der Ber\u00fchrung.<\/p>\n<p>Die Skulpturen von Michael Pickl bringen etwas Allgemeines zum Ausdruck. Und etwas Politisches, wie es die Griechen in der Antike verstanden: die Besch\u00e4ftigung mit den \u00f6ffentlichen Angelegenheiten der Gemeinschaft \u2013 der Polis. Mit dem, was die Gemeinschaft aktuell betrifft und mit dem, was die Gemeinschaft in Zukunft f\u00fcr Aufgaben zu bew\u00e4ltigen hat. Die Skulpturen von Michael Pickl sind ein engagiertes politisches Statement. Seit Jahrtausenden hatte der Mann die M\u00f6glichkeit, zu zeigen, dass er nicht nur ein guter Erfinder und Techniker ist, sondern auch ein guter Politiker, der die Welt gut f\u00fcr die Menschen einrichtet. Eine schwierige Aufgabe, die ihm \u2013 sie befriedigend auszuf\u00fchren \u2013 nicht gelungen ist. Die Menschen und ihre Kulturen sind eng zusammengewachsen. Das birgt Probleme und Gefahren, da die unterschiedlichen Moralvorstellungen immer nur f\u00fcr jeweils eine Kultur gelten. Daher ist die Welt in einem gro\u00dfen Durcheinander. Sie ist nicht friedlich. In der antiken griechischen Demokratie geh\u00f6rten nicht nur Sklaven, Bauern und Knechte nicht zum Volk, dem Demos, sondern auch die Frauen nicht. Und nun stehen Frauen pl\u00f6tzlich im Zentrum eines k\u00fcnstlerischen Werkes. Zwar haben sich in den vergangenen f\u00fcnfzig Jahren die Frauen viele Rechte erk\u00e4mpft, doch im praktischen Leben ist vieles beim Alten geblieben. Und nun steht sie hier \u2013 im Werk von Michael Pickl \u2013 im Zentrum der Betrachtung. Und sie steht vor uns mit einer anmutigen und selbstbewussten Unersch\u00fctterlichkeit, Einfachheit und Friedlichkeit.<\/p>\n<p>Eine Friedlichkeit, die n\u00e4her bezeichnet werden kann: es ist eine subversive Friedlichkeit. Das offenbart die Sch\u00f6nheit der Skulpturen: sch\u00f6ne, anmutige und selbstbewusste Frauen. Es ist das, wonach sich die Menschen sehnen: Die F\u00e4higkeit zu einer stillen und doch m\u00e4chtigen Herausforderung. Ohne Pathos. Nicht fordernd, aber eindringlich und herausfordernd.<\/p>\n<p>Die Sch\u00f6nheit der Skulpturen hat unterschiedliche Ursachen. Sie liegt in der Form, im Inhalt, in der Idee und in der Erfindung. Die Form betrifft die \u00c4sthetik, der Inhalt die Bedeutung, die Idee die Kunstauffassung und die Erfindung den K\u00fcnstler der Skulpturen. Der K\u00fcnstler ist derjenige, der die Sch\u00f6nheit erdenkt, herstellen m\u00f6chte und der \u00fcber das Talent und Verm\u00f6gen verf\u00fcgt, das Erdachte und Gesp\u00fcrte angemessen zu realisieren. Das ist der Bildhauer Michael Pickl, dem es mit gro\u00dfer Sicherheit gelingt, das Wesen von Haltung und Ausdruck in einer sch\u00f6nen Gestalt zu sammeln und die Betrachter zu verzaubern, zu verwandeln und zur Auseinandersetzung anzuregen.<\/p>\n<p>Das Politische im antiken Sinne fragt danach, was der Einzelne tun kann, um die Gemeinschaft f\u00fcr jeden Menschen gerecht einzurichten und die Welt ein wenig besser zu machen: Das Beste, was er der Welt antun kann, ist, positiv auf sie zuzugehen: auf die Natur, auf den Menschen und auf die Werte der eigenen Kultur und die Werte aller anderen Kulturen. Die Welt w\u00e4re friedlicher, wenn die Menschen gro\u00dfz\u00fcgiger, toleranter, gelassener und respektvoller miteinander umgingen. Denn wer auf jemanden respektvoll und positiv zugegangen ist, wird die Erfahrung gemacht haben, dass auch er meist respektvoll behandelt wurde. Das dr\u00fcckt der einfache Satz des chinesischen Philosophen Meng Tzu aus: \u201eEs ist m\u00f6glich, als gro\u00dfer Mensch zu handeln.\u201c Bildhaft und in sch\u00f6nen Formen kommt dieser Satz in den Skulpturen von Micheal Pickl zum Ausdruck.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Hajo Eickhoff<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"http:\/\/www.hajoeickhoff.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.hajoeickhoff.de\/<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; Vortrag zur Ausstellungser\u00f6ffnung Michael Pickl im Kunstschloss Theuern am 13. Juli 2014 von Hajo Eickhoff &nbsp; Darf Kunst sch\u00f6n sein? Sch\u00f6nheit und Wohlbefinden Herzlich willkommen meine Damen und Herren zur Ausstellungser\u00f6ffnung von Michael Pickl im Kunstschloss Theuern. Kunst und Sch\u00f6nheit lassen sich nicht pr\u00e4zise definieren, weshalb der Vortrag eher einem Schwebezustand als einem &hellip; <a href=\"https:\/\/michael-pickl.de\/index.php\/2017\/03\/10\/446\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">&#8222;Rede Hajo Eickhoff&#8220; <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michael-pickl.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/446"}],"collection":[{"href":"https:\/\/michael-pickl.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michael-pickl.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-pickl.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-pickl.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=446"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/michael-pickl.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/446\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":584,"href":"https:\/\/michael-pickl.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/446\/revisions\/584"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michael-pickl.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=446"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-pickl.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=446"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-pickl.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=446"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}